{"id":347,"date":"2014-02-27T20:17:27","date_gmt":"2014-02-27T19:17:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gendalus.de\/?p=347"},"modified":"2014-02-27T20:21:31","modified_gmt":"2014-02-27T19:21:31","slug":"nicht-meine-kampagne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gendalus.de\/?p=347","title":{"rendered":"Nicht meine Kampagne"},"content":{"rendered":"<p>Neulich scrollte auf Twitter ein Tweet an mir vorbei. Es ging um Faxe, EU-ParlamentarierInnen und Netzneutralit&auml;t. Verlinkt war dabei die Kampagnenseite <a href=\"http:\/\/savetheinternet.eu\/de\/\">Save the internet<\/a>. Die Kampagne ruft EU-B&uuml;rgerInnen auf Kontakt mit ihren EU-ParlamentarierInnen aufzunehmen und diese zu &uuml;berzeugen sich f&uuml;r Netzneutralit&auml;t einzusetzen.<\/p>\n<p>Ich tappte den Link zur Seite und merkte, dass das die Seite ist, &uuml;ber die ich mich vor einiger Zeit schon mal ge&auml;rgert habe. Da das ein weiterer Punkt in meinem anhaltenden Frust &uuml;ber den Netz_politischen_Diskurs ist, ist mir das der Anlass an diesem Beispiel dem Frust hier ein wenig Raum einzur&auml;umen.<\/p>\n<h2>Die Inhalte<\/h2>\n<p>Das erste was mir auffiel (wor&uuml;ber ich mich aber schon fast nicht mehr &auml;rgern kann, weil ich es Leid bin) ist die Behauptung, dass durch ein Wegfallen der Netzneutralit&auml;t ein &#8222;Zwei-Klassen-Internet&#8220; entstehen w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Keine Frage, wenn Extrakosten f&uuml;r Bandbreiten oder &uuml;berhaupt Zugang zu bestimmten Diensten\/Seite\/usw. entstehen w&uuml;rden, dann w&uuml;rden soziale Ungleichheitsverh&auml;ltnisse noch st&auml;rker durchschlagen als jetzt schon und es w&uuml;rden neue und noch st&auml;rkere Abh&auml;ngigkeiten entstehen. Das hei&szlig;t aber nicht, dass mit einer rechtlich verankerten Netzneutralit&auml;t soziale Ungleichheitsverh&auml;ltnisse weg w&auml;ren und alle im Internet pl&ouml;tzlich gleich.<\/p>\n<p>Studien haben gezeigt, dass sich soziale Ungleichheiten auch <em>im<\/em> Internet reproduzieren. An vielen Stellen habe ich in den letzten Jahren mitbekommen, dass das thematisiert wurde. Es gibt auch unterschiedliche Aktionen, die sich damit auseinandersetzen. Aber in den Diskurs ist das bisher nicht eingegangen. Oder um es deutlicher zu machen: Diejenigen, die tonangebend sind, nehmen es nicht auf (<em>ich habe auch ein paar Gedanken warum das so ist, aber das soll hier nicht das Thema sein<\/em>).<\/p>\n<p>Sicher ist es wichtig in so einer Kampagne m&ouml;gliche Konsequenzen zugespitzt darzustellen. Es macht aber einen entscheidenden Unterschied ob gesagt wird, ob nach Erreichen der Verankerung von Netzneutralit&auml;t noch viel zu tun ist, oder ob wir uns dann gem&uuml;tlich zur&uuml;ck lehnen und Youtube klicken k&ouml;nnen.<\/p>\n<h2>&#8222;Meinungsfreiheit und Innovation werden beschr&auml;nkt&#8220;<\/h2>\n<h3>Inhaltliche Forderung<\/h3>\n<blockquote>\n<p>Derzeit haben gro&szlig;e Firmen wie Microsoft und Facebook dieselben Rechte wie kleine Blogs und Podcasts. Doch wenn die Definition von &#8222;Specialised Services&#8220; nicht verbessert wird, werden sich gro&szlig;e Konzerne eine &#8222;&Uuml;berholspur&#8220; auf der Datenautobahn kaufen k&ouml;nnen, w&auml;hrend Start-Ups und Projekte wie Wikipedia auf der Strecke bleiben. (<a href=\"http:\/\/savetheinternet.eu\/de\/\">Quelle<\/a>)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>W&auml;hrend die &Uuml;berschrift eigentlich darauf hindeutet, dass es hier um politische oder soziale Auswirkungen gehen soll, geht es im Grunde genommen darum, dass fehlende Netzneutralit&auml;t dem freien Wettbewerb im weg steht. Gro&szlig;e Unternehmen haben Wettbewerbsvorteile gegen&uuml;ber Start-Ups, &#8222;Informations-&#8222;Portale von Lobbyorganisationen haben Wettbewerbsvorteile gegen&uuml;ber politischen Blogs und gut finanzierte Projekte haben Wettbewerbsvorteile gegen&uuml;ber Projekten wie der Wikipedia<sup id=\"fnref:fn-1\"><a href=\"fn-1\" rel=\"footnote\">1<\/a><\/sup> oder dem <a href=\"http:\/\/www.podcast-kombinat.de\">Podcast-Kombinat<\/a>. Soweit, so richtig. Nur f&uuml;hrt uns diese Form der Argumentation in eine argumentative Sackgasse. So wie die Gewerkschaften&trade; meinten die Arbeitgeber&trade; meinten &uuml;berzeugen zu k&ouml;nnen, dass Arbeitnehmer(sic!)rechte auch f&uuml;r die Unternehmen gut w&auml;ren, weil sie die Produktivit&auml;t steigerten, so wird hier argumentiert, dass Netzneutralit&auml;t wichtig ist, weil sie garantiert, dass der Wettbewerb\/Markt richtig funktioniert. Das f&uuml;hrt dazu, dass das Funktionieren &#8222;des Wettbewerbs&#8220; pl&ouml;tzlich die absolute inhaltliche Leitlinie wird. Es wird dann nur noch darum gestritten was dem Wettbewerb oder der Wettbewerbsf&auml;higkeit im Weg steht. Und wie toll diese Diskussionen sind, davon k&ouml;nnen die Gewerkschaften&trade; mittlerweile ein Lied singen.<\/p>\n<h3>Bebilderung<\/h3>\n<p>Schlimmer als die inhaltliche Positionierung in diesem Abschnitt finde ich die Bebilderung in diesem Abschnitt. Und nein, es geht nicht um das vollkommen zu gro&szlig;e Ethernetkabel.<\/p>\n<p>Kurze Beschreibung:<br \/>\nZu sehen sind zwei Personen. Eine liegt auf dem Boden und schaut ziemlich traurig drein, die zweite sitzt auf der ersten Person, schaut ein wenig grimmig drein und h&auml;lt ein riesiges Ethernetkabel in der Hand. Bei der liegenden Person handelt es sich um eine schlanke, eine Brille tragende, Person, die vor einem Laptop liegt auf dessen Bildschirm &#8222;IDEA&#8220; steht. Es handelt sich scheinbar um den hippen Otto-Normal Nerd, der eine tolle Idee (f&uuml;r sein Start-Up?!) hat und nun gequ&auml;lt Richtung Netzwerkkabel schaut.<\/p>\n<p>Die Person, darauf sitzt tr&auml;gt eien Zylinder (auf dem ein Dollar-Zeichen zu erkennen ist), hat einen nach oben gekringelten Schnurrbart, eine exorbitant gro&szlig;e Nase (die liegende Person hat keine erkennbare Nase), raucht eine Zigarre, tr&auml;gt eine rote Fliege und ist so fett, dass sie die Anzugjacke nicht &uuml;ber dem wei&szlig;en Hemd zu bekommt. Es handelt sich hier wohl um den profitorientierten Kapitalisten.<\/p>\n<p>Dabei fallen mir zwei Sachen auf:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>Der Kapitalist als negative Figur ist nat&uuml;rlich fett und tr&auml;gt zur Distinktion Kleidung, die wohl eher in die letzten beiden Jahrunderte passen w&uuml;rden. Im Gegensatz dazu die &#8222;normal&#8220; gekleidete schlanke Person, die in diesem P&auml;rchen das produktive Gute symbolisieren soll. Fat shaming <a href=\"http:\/\/de.urbandictionary.com\/define.php?term=body%20policing\" title=\"Body Policing im Urban Dictionary\">Body Policing<\/a> vom feinsten, fett &#8211; unproduktiv &#8211; b&ouml;se, nichtfett &#8211; produktiv &#8211; gut.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Die, dem Kapitalismus inherente, Profitorientierung wird hier personalisiert &#8211; anhand einer Person mit einem US-Dollar Symbol (als Symbol f&uuml;r den entfesselten Kapitalismus US-amerikanischer Pr&auml;gung) und einer exorbitant gro&szlig;en Nase &#8211; dargestellt. Diese Darstellung ist im mindesten anschlussf&auml;hig an antisemitische Diskurse und Bilder innhalb der Gesellschaft.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich war echt &uuml;berrascht und ver&auml;rgert, dass so eine Bebilderung noch immer durch geht. In der Vergangenheit wurde die Benutzung der &#8222;Datenkrake&#8220; immer wieder kritisiert; im Zuge der Proteste gegen ACTA wurde kritisiert, dass ein Motiv verwendet wurde, was als eine modernisierte Version eines Motivs aus der antisemitischen Wochenzeitung St&uuml;rmer von 1938 zu sehen ist. Die Kritik an solchen Bildern und Diskursen ist also nicht gerade neu.<\/p>\n<p>Ich frage mich an dieser Stelle: Ist die Debatte an den Leuten, die das Bild gesehen und durchgewunken haben, vorbei gegangen?? Ist es den Leuten nicht aufgefallen?? Oder ist es ihnen egal?? Ich pers&ouml;nlich vermute letzteres<sup id=\"fnref:fn-2\"><a href=\"fn-2\" rel=\"footnote\">2<\/a><\/sup>.<\/p>\n<h2>generisches Failininum<\/h2>\n<p>Abschlie&szlig;end: Es ist 2014, Feministinnen haben sich Jahren lang die Finger wundgetippt und die Verwendung generischen Maskulinums kritisiert, die problematischen Konsequenzen der Verwendung dessen erkl&auml;rt und wurden daf&uuml;r immer wieder angegriffen und nicht zuletzt auch bedroht. Trotzdem sind gef&uuml;hlte 90% der netzpolitischen Texte, die ich so sehe (die nicht von Feministinnen geschrieben sind) im generischen Maskulinum geschrieben. Es &auml;rgert mich jedes Mal wieder.<\/p>\n<p>Und bis ich eben die Seite noch mal durchgelesen habe, war ich der Ansicht, dass die komplette Seite im generischen Maskulinum geschrieben ist. Aber dem ist gar nicht so. Ab etwa der H&auml;lfte der Seite kommen durchaus B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, Expertinnen und Experten und Parlamentarische Assistentinnen und Assistenten vor. Aber eben nicht durchg&auml;ngig. So tauchen keine Nutzerinnen oder Parlamentarierinnen auf.<\/p>\n<p>H&auml;tte mich mich nicht dazu entschlossen &uuml;ber die Seite zu bloggen, h&auml;tte ich die Seite, wegen der Verwendung des generischen Maskulinums an den prominenteren Stellen, f&uuml;r mich abgehakt und das Tab einfach geschlossen. W&auml;re die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache selbstverst&auml;ndlich(er), w&auml;re das nicht passiert.<\/p>\n<h2>Was bleibt??<\/h2>\n<p>Als erstes, die Erkenntnis, dass genauer Hinschauen sinnvoll ist.<\/p>\n<p>Es bleibt aber dabei, dass ich mich an der Kampagne nicht beteiligen werden. So wie ich mich an der Kampagne gegen ACTA nicht beteiligt habe, weil auf die Kritik an der Kraken-Symbolik nicht entsprechend reagiert wurde, werde ich mich an keiner Kampagne beteiligen die sich antisemitischer (Symbol-)Sprache bedient.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f&uuml;r Aktionen\/Kampagnen die sich noch immer ignorant gegen&uuml;ber Beispielsweise antisexistischer, antirassistischer und antifaschistischer Kritik zeigen.<\/p>\n<p>Denn: Ein sexistisches, rassistisches &#8230;&nbsp;Internet brauchen wir nicht retten.<\/p>\n<div class=\"footnotes\">\n<hr \/>\n<ol>\n<li id=\"fn:fn-1\">\n<p>Obwohl die Wikipedia wohl jetzt ein schlechtes Beispiel sein d&uuml;rfte, nachdem Orange angek&uuml;ndigt hat, dass in 20 L&auml;ndern die Mobilversion der Wikipedia kostenlos abrufbar sein wird. (<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Netzbetreiber-erlaubt-kostenlosen-Wikipedia-Zugriff-in-20-Laendern-1421700.html\">Quelle<\/a>)&#160;<a href=\"fn-1\" rev=\"footnote\">&#8617;<\/a><\/p>\n<\/li>\n<li id=\"fn:fn-2\">\n<p>Ich vermute das, weil ich nicht glauben kann, dass bei einer Kampagne, die von einigen Leuten international organisiert wird, niemandem so eine Deutung auff&auml;llt. Ich w&uuml;rde eine etwaiges &#8222;Oh das ist uns gar nicht aufgefallen&#8220; in etwa f&uuml;r so glaubw&uuml;rdig halten wie die Reaktion des Karrikaturisten der SZ (<a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/kultur\/antisemitismus-sueddeutsche-keine-antisemiten--nirgends-,1472786,26350914.html\" title=\"Artikel in der FR\">Quelle<\/a>)&#160;<a href=\"fn-2\" rev=\"footnote\">&#8617;<\/a><\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_347 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_347')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_347').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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