gendalus

Festival und Symbole

Am Pfingstwochenende findet jährlich in Leipzig eines der größten Festivals für die Gothic-Szene statt, das WGT aka Wave-Gotik-Treffen. Um es vorweg zusagen, auch wenn ich es die Jahre immer wieder vor hatte, habe ich es bis heute nicht geschafft selbst mal auf dem WGT zugegen zu sein. Was bisher eher ein rein terminliches oder gedächtnistechnisches Problem war entwickelt sich für mich mittlerweile zu einem politischen Problem.

Um Zugang zum Zeltplatz zu bekommen musste im letzten Jahr eine so genannte Obsorgerkarte erworben werden. Wie bei der schnellen Google-Bildersuche zu sehen, ist auf dem Ticket ein Auge abgebildet, welches im Irisbereich eine Schwarze Sonne durchscheinen lässt. Und es ist eben diese Schwarze Sonne, die eine breite Diskussion innerhalb unterschiedlicher Foren auslöste. Wie ernst die Sache innerhalb der Szene genommen wurde zeigt, dass sich unter anderem die Band ASP in einem offenen Brief an die VeranstalterInnen des WGT gewandt haben. Auch Fetisch:Mensch – ein Projekt von u.a. Oswald Henke – haben sich hinter die Forderungen von ASP gestellt (nachzulesen im Myspace-Blog der Band).

Worum es eigentlich geht ist relativ kurz erklärt.
„Die Schwarze Sonne ist ein Symbol aus zwölf in Ringform gefassten gespiegelten Siegrunen. Vorlage für das Symbol ist ein ähnliches Bodenornament in Gestalt eines Sonnenrades, das in der Zeit des Nationalsozialismus von der SS im Nordturm der Wewelsburg eingelassen wurde. Die Schwarze Sonne ist heutzutage ein wichtiges Ersatz- und Erkennungssymbol der rechtsesoterischen bis rechtsextremen Szene.“ (Zitat aus der „Wikipedia„)
Es handelt sich also nicht nur um eine beliebige Rune, die im Rahmen des neonationalistischen Framings von den neonazistischen Kreisen mit einer neuen Bedeutung gefüllt werden soll, sondern um ein Symbol, welches im dritten Reich eine zentrale Bedeutung hatte – und wie hier zu sehen ist auch noch zu spielen scheint.
Nun hätte ich vermutet, dass den Verantwortlichen des WGT einfach ein Fehler unterlaufen wäre, weile sie sich nicht um mögliche Bedeutungen gekümmert haben. Wie aber dem Antwortschreiben auf den offenen Brief von ASP zu entnehmen ist, waren (fraglich ist in wie weit die Antwortenden für die VeranstalterInnen sprechen oder nur für sich als Privatpersonen) die VeranstalterInnen bemüht das Symbol in einen bestimmten historischen Zusammenhang mit der Herrmansschlacht zu stellen, welche sind in diesem Jahr immerhin zum 2.000sten Mal jährte. Ziemlich treffend finde ich hierbei den Teil der Antwort von ASP auf das Schreiben:

Unsere Frage, warum das – unserer Meinung nach hochpolitisch belastete – Symbol der „Schwarzen Sonne“ benutzt wurde, wurde leider nicht beantwortet. Es existiert keine historische Verbindung zwischen der erwähnten „Herrmannsschlacht“ und dem Symbol. Im Gegenteil: bedauernswerterweise ist nur darin eine Verbindung erkennbar, dass beide Themen in neofaschistischen Gruppierungen einen hohen Stellenwert einnehmen.

Die VeranstalterInnen haben sich also durchaus mit einer möglichen Bedeutung der Symbolik auseinandergesetzt und kamen dabei entweder unabsichtlich auf eine Art der Interpretation, die nicht auf sehr viel Gegenliebe stößt oder sie haben mit Absicht eine uneindeutige Symbolik verwandt, um zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erregen. Ich werde mir an dieser Stelle keine Spekulation über den „wahren“ Grund erlauben. Für mich bleibt übrig, dass das WGT, aus welchen Gründen auch immer, Symbolik benutzte, die unter anderem neonazistischen Kreisen als Erkennungszeichen dient und damit zumindest mittelbar den Eindruck erweckt, dass Symbolik mit neonazistischem Hintergrund zum Symbol Repoitoir der Szene gehört. Durch die unkritische oder absichtliche Benutzung eben solcher Symbole wird eine Art Normalität für diese Symbole geschaffen, die ich für mich nicht dulden werde. Und das kann eben dazu führen, dass ich jegliche zukünftige Teilnahme an diesem Festival für mich ausschließe und andere auffordern werde es mir gleich zu tun, bis sich die VeranstalterInnen deutlich gegen neonazistische Verbindungen aussprechen, was für mich auch bedeutet, dass sich eindeutig von vaws distanziert wird.
Da ich bisher keine eindeutigen Stellungnahmen gefunden habe, die sich von VAWS und der (bisherigen und weiteren) Verwendung von Symbolen wie der Schwarzen Sonne distanzieren, habe ich mich entschlossen die VeranstalterInnen direkt anzuschreiben. Natürlich spricht nichts dagegen sich dieser Frage anzuschließen 😉

Offene Anfrage an die Treffen & Festspielgesellschaft für Mitteldeutschland mbH

Sehr geehrte VeranstalterInnen des WGT,
ich überlege zur Zeit ob ich in diesem Jahr endlich einmal das WGT besuchen werde. Um das Festival aber besuchen zu können möchte ich sicher sein, dass es zwischen den VeranstalterInnen des WGT und neonazistischen Kreise keine Verbindungen jedweder Art gibt. Das betrifft für mich direkt zwei Punkte, zum einen die Zusammenarbeit mit „Verlag und Agentur Werner Symanek“ (VAWS) und die Verwendung von Symbolen (wie der schwarzen Sonne) mit (eindeutiger) Bedeutung für den Nationalsozialismus und neonazistische Kreise heute, auf Veröffentlichungen des WGT.
Wird es auch in diesem Jahr eine Zusammenarbeit, also einen Marktstand von VAWS geben, wenn nein distanzieren Sie sich von VAWS?
Gibt es von Ihnen eine deutliche und eideutige Stellungnahme zur Verwendung der Schwarzen Sonne im vergangenen Jahr, die sich von der bisherigen und weiteren Verwendung nationalsozialistisch oder neonazistisch vorbelasteter Symbolik distanziert??
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir die beiden Fragen beantworten würden.

Mit freundlichen Grüßen
gendalus

Sobald ich eine Antwort erhalten habe werde ich berichten, wie sich die Sache für die VeranstalterInnen des WGT darstellt.

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