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Nicht meine Kampagne

Neulich scrollte auf Twitter ein Tweet an mir vorbei. Es ging um Faxe, EU-ParlamentarierInnen und Netzneutralität. Verlinkt war dabei die Kampagnenseite Save the internet. Die Kampagne ruft EU-BürgerInnen auf Kontakt mit ihren EU-ParlamentarierInnen aufzunehmen und diese zu überzeugen sich für Netzneutralität einzusetzen.

Ich tappte den Link zur Seite und merkte, dass das die Seite ist, über die ich mich vor einiger Zeit schon mal geärgert habe. Da das ein weiterer Punkt in meinem anhaltenden Frust über den Netz_politischen_Diskurs ist, ist mir das der Anlass an diesem Beispiel dem Frust hier ein wenig Raum einzuräumen.

Die Inhalte

Das erste was mir auffiel (worüber ich mich aber schon fast nicht mehr ärgern kann, weil ich es Leid bin) ist die Behauptung, dass durch ein Wegfallen der Netzneutralität ein „Zwei-Klassen-Internet“ entstehen würde.

Keine Frage, wenn Extrakosten für Bandbreiten oder überhaupt Zugang zu bestimmten Diensten/Seite/usw. entstehen würden, dann würden soziale Ungleichheitsverhältnisse noch stärker durchschlagen als jetzt schon und es würden neue und noch stärkere Abhängigkeiten entstehen. Das heißt aber nicht, dass mit einer rechtlich verankerten Netzneutralität soziale Ungleichheitsverhältnisse weg wären und alle im Internet plötzlich gleich.

Studien haben gezeigt, dass sich soziale Ungleichheiten auch im Internet reproduzieren. An vielen Stellen habe ich in den letzten Jahren mitbekommen, dass das thematisiert wurde. Es gibt auch unterschiedliche Aktionen, die sich damit auseinandersetzen. Aber in den Diskurs ist das bisher nicht eingegangen. Oder um es deutlicher zu machen: Diejenigen, die tonangebend sind, nehmen es nicht auf (ich habe auch ein paar Gedanken warum das so ist, aber das soll hier nicht das Thema sein).

Sicher ist es wichtig in so einer Kampagne mögliche Konsequenzen zugespitzt darzustellen. Es macht aber einen entscheidenden Unterschied ob gesagt wird, ob nach Erreichen der Verankerung von Netzneutralität noch viel zu tun ist, oder ob wir uns dann gemütlich zurück lehnen und Youtube klicken können.

„Meinungsfreiheit und Innovation werden beschränkt“

Inhaltliche Forderung

Derzeit haben große Firmen wie Microsoft und Facebook dieselben Rechte wie kleine Blogs und Podcasts. Doch wenn die Definition von „Specialised Services“ nicht verbessert wird, werden sich große Konzerne eine „Überholspur“ auf der Datenautobahn kaufen können, während Start-Ups und Projekte wie Wikipedia auf der Strecke bleiben. (Quelle)

Während die Überschrift eigentlich darauf hindeutet, dass es hier um politische oder soziale Auswirkungen gehen soll, geht es im Grunde genommen darum, dass fehlende Netzneutralität dem freien Wettbewerb im weg steht. Große Unternehmen haben Wettbewerbsvorteile gegenüber Start-Ups, „Informations-„Portale von Lobbyorganisationen haben Wettbewerbsvorteile gegenüber politischen Blogs und gut finanzierte Projekte haben Wettbewerbsvorteile gegenüber Projekten wie der Wikipedia1 oder dem Podcast-Kombinat. Soweit, so richtig. Nur führt uns diese Form der Argumentation in eine argumentative Sackgasse. So wie die Gewerkschaften™ meinten die Arbeitgeber™ meinten überzeugen zu können, dass Arbeitnehmer(sic!)rechte auch für die Unternehmen gut wären, weil sie die Produktivität steigerten, so wird hier argumentiert, dass Netzneutralität wichtig ist, weil sie garantiert, dass der Wettbewerb/Markt richtig funktioniert. Das führt dazu, dass das Funktionieren „des Wettbewerbs“ plötzlich die absolute inhaltliche Leitlinie wird. Es wird dann nur noch darum gestritten was dem Wettbewerb oder der Wettbewerbsfähigkeit im Weg steht. Und wie toll diese Diskussionen sind, davon können die Gewerkschaften™ mittlerweile ein Lied singen.

Bebilderung

Schlimmer als die inhaltliche Positionierung in diesem Abschnitt finde ich die Bebilderung in diesem Abschnitt. Und nein, es geht nicht um das vollkommen zu große Ethernetkabel.

Kurze Beschreibung:
Zu sehen sind zwei Personen. Eine liegt auf dem Boden und schaut ziemlich traurig drein, die zweite sitzt auf der ersten Person, schaut ein wenig grimmig drein und hält ein riesiges Ethernetkabel in der Hand. Bei der liegenden Person handelt es sich um eine schlanke, eine Brille tragende, Person, die vor einem Laptop liegt auf dessen Bildschirm „IDEA“ steht. Es handelt sich scheinbar um den hippen Otto-Normal Nerd, der eine tolle Idee (für sein Start-Up?!) hat und nun gequält Richtung Netzwerkkabel schaut.

Die Person, darauf sitzt trägt eien Zylinder (auf dem ein Dollar-Zeichen zu erkennen ist), hat einen nach oben gekringelten Schnurrbart, eine exorbitant große Nase (die liegende Person hat keine erkennbare Nase), raucht eine Zigarre, trägt eine rote Fliege und ist so fett, dass sie die Anzugjacke nicht über dem weißen Hemd zu bekommt. Es handelt sich hier wohl um den profitorientierten Kapitalisten.

Dabei fallen mir zwei Sachen auf:

  1. Der Kapitalist als negative Figur ist natürlich fett und trägt zur Distinktion Kleidung, die wohl eher in die letzten beiden Jahrunderte passen würden. Im Gegensatz dazu die „normal“ gekleidete schlanke Person, die in diesem Pärchen das produktive Gute symbolisieren soll. Fat shaming Body Policing vom feinsten, fett – unproduktiv – böse, nichtfett – produktiv – gut.

  2. Die, dem Kapitalismus inherente, Profitorientierung wird hier personalisiert – anhand einer Person mit einem US-Dollar Symbol (als Symbol für den entfesselten Kapitalismus US-amerikanischer Prägung) und einer exorbitant großen Nase – dargestellt. Diese Darstellung ist im mindesten anschlussfähig an antisemitische Diskurse und Bilder innhalb der Gesellschaft.

Ich war echt überrascht und verärgert, dass so eine Bebilderung noch immer durch geht. In der Vergangenheit wurde die Benutzung der „Datenkrake“ immer wieder kritisiert; im Zuge der Proteste gegen ACTA wurde kritisiert, dass ein Motiv verwendet wurde, was als eine modernisierte Version eines Motivs aus der antisemitischen Wochenzeitung Stürmer von 1938 zu sehen ist. Die Kritik an solchen Bildern und Diskursen ist also nicht gerade neu.

Ich frage mich an dieser Stelle: Ist die Debatte an den Leuten, die das Bild gesehen und durchgewunken haben, vorbei gegangen?? Ist es den Leuten nicht aufgefallen?? Oder ist es ihnen egal?? Ich persönlich vermute letzteres2.

generisches Failininum

Abschließend: Es ist 2014, Feministinnen haben sich Jahren lang die Finger wundgetippt und die Verwendung generischen Maskulinums kritisiert, die problematischen Konsequenzen der Verwendung dessen erklärt und wurden dafür immer wieder angegriffen und nicht zuletzt auch bedroht. Trotzdem sind gefühlte 90% der netzpolitischen Texte, die ich so sehe (die nicht von Feministinnen geschrieben sind) im generischen Maskulinum geschrieben. Es ärgert mich jedes Mal wieder.

Und bis ich eben die Seite noch mal durchgelesen habe, war ich der Ansicht, dass die komplette Seite im generischen Maskulinum geschrieben ist. Aber dem ist gar nicht so. Ab etwa der Hälfte der Seite kommen durchaus Bürgerinnen und Bürger, Expertinnen und Experten und Parlamentarische Assistentinnen und Assistenten vor. Aber eben nicht durchgängig. So tauchen keine Nutzerinnen oder Parlamentarierinnen auf.

Hätte mich mich nicht dazu entschlossen über die Seite zu bloggen, hätte ich die Seite, wegen der Verwendung des generischen Maskulinums an den prominenteren Stellen, für mich abgehakt und das Tab einfach geschlossen. Wäre die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache selbstverständlich(er), wäre das nicht passiert.

Was bleibt??

Als erstes, die Erkenntnis, dass genauer Hinschauen sinnvoll ist.

Es bleibt aber dabei, dass ich mich an der Kampagne nicht beteiligen werden. So wie ich mich an der Kampagne gegen ACTA nicht beteiligt habe, weil auf die Kritik an der Kraken-Symbolik nicht entsprechend reagiert wurde, werde ich mich an keiner Kampagne beteiligen die sich antisemitischer (Symbol-)Sprache bedient.

Gleiches gilt für Aktionen/Kampagnen die sich noch immer ignorant gegenüber Beispielsweise antisexistischer, antirassistischer und antifaschistischer Kritik zeigen.

Denn: Ein sexistisches, rassistisches … Internet brauchen wir nicht retten.


  1. Obwohl die Wikipedia wohl jetzt ein schlechtes Beispiel sein dürfte, nachdem Orange angekündigt hat, dass in 20 Ländern die Mobilversion der Wikipedia kostenlos abrufbar sein wird. (Quelle

  2. Ich vermute das, weil ich nicht glauben kann, dass bei einer Kampagne, die von einigen Leuten international organisiert wird, niemandem so eine Deutung auffällt. Ich würde eine etwaiges „Oh das ist uns gar nicht aufgefallen“ in etwa für so glaubwürdig halten wie die Reaktion des Karrikaturisten der SZ (Quelle

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